FOLIE A PLUSIEURS

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Folie a Plusieurs

Fontane Apotheke, Kunstquartier Bethanien, Berlin, 2014



Der französische Philosoph Michel Foucault thematisiert in seinem Werk „Wahnsinn und Gesellschaft: Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft“ (1961) die Mechanismen der Aussonderung von „Anderem“ durch aufgeklärt-rationale Gesellschaften. Die These Foucaults lautet: Der Wahnsinn als das „Andere der Vernunft“ werde von dieser ausgegrenzt, zum Schweigen gebracht und komplexen Prozeduren rationaler Kontrolle und Disziplinierung ausgesetzt. Die abendländisch-neuzeitliche Rationalität habe dabei ausschließende und repressive Funktion. In seiner Untersuchung fand Foucault keine Entwicklung zum Besseren oder ein Anwachsen an Vernünftigkeit, sondern nur einen von Brüchen gekennzeichneten Wandel im Rahmen zeitbedingter, willkürlicher Konstrukte (Ingeborg Breuer, Peter Leusch, Dieter Mersch 1996:141 f.). Dagegen skizzieren heutige Tendenzen das Potential normabweichender Persönlichkeiten längst als marktwirtschaftlich evolutorischen Vorsprung, der wirt-schaftliches Kapital generiert.

Medizinisch betrachtet, tritt der Wahn häufig in Assoziation mit Schizophrenie auf, weshalb die mit diesem Krankheitsbild lebende Personengruppe ein valider Ansatzpunkt ist, um den Wahn, beziehungsweise seine neuronalen Korrelate, zu erforschen. Der Wahn zeigt sich, aus medizinischer Sicht, als eine selbstreferenzielle Neu-/Fehlbeurteilung der Realität. An dieser Fehlbeurteilung wird mit absoluter Gewissheit und Unkorrigierbarkeit festgehalten, selbst wenn sie im Widerspruch zur Wirklichkeit, zur eigenen Lebenserfah- rung und zum Urteil gesunder Mitmenschen steht.So ist der Wahn nicht nur eine Störung des Denkens oder Urteilens, er ist vielmehr der Ausdruck einer veränderten Beziehung zur eigenen Umwelt. Die paranoide Schizophrenie (F20.0 nach ICD 10) ist unter anderem durch beständige, häufige Wahnvorstellungen charakterisiert, die oft von akustischen Halluzinationen und Wahrnehmungsstörungen begleitet werden (Weltgesundheitsorganisation, 2010). Andererseits ist er nötig und produktiv, wie der Psychologe Giovanni Jervis beschreibt: Der Wahn ist eine Abwehr: Er verhindert die psychotische Auflösung, er ermöglicht zu leben, den Dingen eine Ordnung zu geben, eine untragbare Situation zu ertragen (Giovanni Jervis, 1975). Jervis artikuliert sich damit als Specher einer Bewegung der u.a. David Cooper, Ronald D. Laing, Thomas Szasz, Jan Foudraine, Franco Basaglia, Félix Guattari, Gilles Deleuze und Erving Goffman zugeordnet werden und die, als Antipsychiatrie bezeich- net, eine Gegenposition zur heutigen in der Psychatrie vorherrschenden Beurteilung des Wahns einnimmt (Franco Basaglia, Die Entscheidung des Psychiaters. Bilanz eines Lebenswerkes, Bonn, 2002).

Die Untersuchung von wahnhaftem Potential, Konstruktionen von Realität und die daraus erarbeitete Installation Folie à plusieurs stellen die dritte Phase des transdisziplinären Wahnforschungsprojektes von Markus Hoffmann und der Psychologin Dr. Anne Pankow dar. Das Projekt begann als eine wissenschaftliche, experimentelle Studie mit an paranoider Schizophrenie leidenden Patienten. Ziel dieser gemeinsamen Forschungsarbeit war die Entwicklung von wahn-spezifischem Stimulusmaterial (Fotos) für diese Patienten- gruppe, um in folgenden Studien die neurobiologische Grundlage wahnhafter Verarbeitung genauer untersuchen zu können. Zu Beginn der Studie wurden qualitative Interviews mit erfahrenem Klinikpersonal im psychiatrischen und psychotherapeutischen Bereich durch- geführt, auf Tonband aufgezeichnet, und typische Wahnthemen und wahnirrelevante Themen identifiziert. In einem weiteren Schritt transformierte Hoffmann die relevanten Themen in etwa 300 Bilder (150 Wahnbilder und 150 neutrale Bilder) und entnahm den qualitati- ven Interviews wahnrelevante und wahnirrelevante Wörter. Das wahnspezifische Bilder- und Wörterset wurde nach weiterer Eingren- zung von einer Gruppe von schizophrenen Patienten mit aktueller Positivsymptomatik und gesunden Kontrollprobanden hinsichtlich Arousal (Begriff der Psychologie, welcher den allgemeinen Grad der Aktivierung des zentralen Nervensystems beim Menschen bezeichnet: Aufmerksamkeit, Wachheit, Reaktionsbereitschaft), Valenz (emotionaler Wert, der mit einem Reiz verbunden ist) und in Bezug zum eigenen Leben beurteilt. Innerhalb der Gesamtgruppe offenbarte sich, dass die Kategorien (wahnassoziierte und neutrale Stimuli) signifikant unterschiedlich eingeschätzt wurden. Zwischen den beiden Gruppen, das heißt zwischen kranken und gesunden Patienten, zeigte sich in diesen Kategorien jedoch kein signifikanter Unterschied, was somit, entgegen der Erwartung, die Annahme eines gruppenübergreifenden Kontinuums wahnhafter Interpretation von Realität nahelegt.

Lophophora williamsii (Peyote) ist eine Pflanzenart in der Gattung Lophophora aus der Familie der Kakteengewächse (Cactaceae). Der Kaktus dient in rituellen Kontexten dazu, direkten Kontakt mit den Göttern und Naturgeistern herzustellen. Vor allem die Visionen, die im psychomimetischen/hallu-zinogenen Peyote-Rausch auftreten, galten für die meisten Stämme, welche mit dem Kaktus in Berüh- rung kamen, von Anfang an als Indiz für einen göttlichen Ursprung der Pflanze und – in weiterer Folge – des Rausches. Echinopsis pachanoi (San Pedro) ist eine Pflanzenart aus der Gattung Echinopsis in der Familie der Kakteengewächse (Cactaceae). Im Andenraum wird der San-Pedro-Kaktus seit mindestens 2000 Jahren rituell benutzt. Durch seine Einnahme kann der betroffene Geist Verbindung mit der Götterwelt aufnehmen und Visionen empfangen. Er wird auch als Stärkungsmittel (Tonikum) und als Aphrodi- siakum verwendet. Schon in der Moche-Kultur (Nordperu) und der Nazca-Kultur (Südperu) sowie in der späteren Inka-Kultur war er zentraler Bestandteil ritueller Zeremonien. Sowohl Lophophora williamsii als auch Echinopsis pachanoi enthalten den halluzinogen bzw. psychomimetisch wirkenden Inhaltsstoff Mescalin.

Folie à plusieurs, 2014: Glasvitrine, Lophophora williamsii (Peyote) Kaktus, Echinopsis pachanoi (San Pedro) Kaktus, Fotoserie von 40 Lambda-Prints

Folie à plusieurs wurde realisiert in Zusammenarbeit mit dem FHXB Friedrichshain-Kreuzberg Museum und dem Kunstraum Kreuzberg/Bethanien im Rahmen der Ausstellung Correction Lines kuratiert von Julia Martha Müller und Frederiek Weda.

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© Markus Hoffmann